spannend
bildend
informativ
Preisinfo: 17,95€[D]/18,50€[A]
ISBN- 9 783000 268977
Dritte erweiterte Auflage
flage
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Vortrag mit folgendem Inhalt kann gebucht werden:
- Flucht
- Wehrdienst NVA
- Reisen mit DDR Jugendtourist
- Grenzübergang Marienborn Autobahn
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Textauszüge 3
Kurz nach der geglückten Flucht auf der Polizeiwache in Schöningen
……………..Die Polizisten hatten inzwischen Kaffee und Tee gekocht. Einer von ihnen sagte: „Sie müssen noch einen Moment warten, gleich kommt jemand vom Bundesgrenzschutz (BGS), der nimmt Sie mit nach Braunschweig.“
In der Zwischenzeit beantworteten alle bereitwillig die Fragen der Polizei. Die Beamten schauten, als könnten sie es nicht glauben. Noch erstaunter waren sie, als sie hörten, dass ich vor einigen Tagen schon einmal drüben gewesen war.
Als zwei Männer in Zivil herein kamen, stellten sie sich als Beamte des BGS vor und baten alle an der Flucht Beteiligten, mit nach Braunschweig in die BGS-Kaserne zu kommen, um dort den Hergang zu protokollieren.
Wir nächtlichen Gäste bedankten uns bei der Polizei für ihre Hilfe, die Polizisten wiederum wünschten uns alles Gute. So fuhren wir dann einem dunkelblauen BMW hinterher nach Braunschweig. Unterwegs - es wurde schon hell und der Regen wich der aufgehenden Sonne - kam bei allen ein ganz neues Lebensgefühl auf. Wir schauten uns die Landschaft an, die mir plötzlich wieder so schön grün vorkam und genossen die Freiheit, in der wir als Helden bestaunt wurden.
In der Kaserne angekommen, wurden wir von einigen Männern sehr nett und höflich begrüßt und alle gratulierten zu der gelungenen Flucht. Zwei von ihnen stellten sich als Leute vom Verfassungsschutz vor und erklärten, dass sie einige Fragen hätten. „Zunächst gibt es Frühstück, dann erfolgt die Befragung und gegen Mittag können Sie dann weiter zu ihren Verwandten fahren.“
Der Frühstückstisch war gut gedeckt, aber so richtig Appetit hatte keiner, die Ereignisse der Nacht wirkten noch nach. Nach dem Frühstück bekam Frauke ein Zimmer mit Fernseher und Bett, in dem sie sich ausruhen konnte. Die anderen gingen gemeinsam in einen Raum, in dem alles, was die Flucht betraf, schriftlich festgehalten wurde.
Die Beamten erklärten uns, dass die Befragung auch dem Zweck diente, eindeutig zu klären, ob es sich bei uns auch wirklich um DDR Flüchtlinge handle. Ich verstand nicht ganz, was damit gemeint war und fragte nach. Sie erzählten uns, dass es auch schon vorgekommen sei, dass sich Bundesbürger als DDR Flüchtlinge ausgegeben hätten, um sich eine neue Identität zu verschaffen, weil sie verschuldet waren oder von der Polizei gesucht wurden oder illegale Dinge unter dem Deckmantel der neuen Identität vor hatten. Ich staunte und dachte mir, was sich der Mensch so alles einfallen lässt.
Gerhard öffnete die Tasche, um die Dokumente zu zeigen und stellte fest, dass das wasserdicht verpackte Geld und ein Teil der Papiere doch nass geworden waren. Um es zu trocknen, legte er alles in dem Raum aus, so dass jeder freie Platz mit 100.-Mark Scheinen, insgesamt 640 Stück, auf denen Karl Marx abgebildet war, belegt wurde. Das ergab in der BGS-Kaserne eine lustige Raumdekoration……….
……..Unsere Gespräche mit dem Verfassungsschutzbeamten wurden unterbrochen, als ein Uniformierter des BGS hereinkam und meldete, dass es jetzt zu „starken Aktivitäten an der Fluchtstelle der DDR Grenze kommt“.
Die Flucht war anscheinend inzwischen bemerkt worden. Das löste bei uns ein Lächeln aus. Ich sagte laut: „Jetzt werden bei den Schlafmützen da drüben Köpfe rollen und einige haben die Hosen voll.“
Ab und zu schauten Monika und ich bei Frauke rein, die schlafend im Bett lag, während der Fernseher lief. Franz fühlte sich ebenso als Held und seine einstigen Bedenken fanden keine Erwähnung mehr.
Es war schon 13.00 Uhr, als endlich alles erledigt war, und wir verabschiedeten uns von den netten Beamten. Dann fuhren wir nach Hannover zu Monikas Onkel und Tante. Es sollte nur ein kurzer Besuch werden, denn die alten Leute hatten nicht genügend Schlafgelegenheiten. Außerdem warteten in Bottrop meine eigenen Verwandten.
Als wir in Hannover ankamen, wurden wir unter Tränen herzlich empfangen. Wieder berichteten wir ausführlich über die Flucht und ich wurde als Held gefeiert. Dann wurde erzählte, was in den vergangenen 3 ½ Monaten in der DDR mit meiner Familie „angestellt“ worden war und was ich hier im Westen erlebt hatte.
Mir wurde immer klarer, dass das, was heute Nacht geschehen war, das „größte Ding“ in meinem Leben war. Ich empfand die Geschichte der Flucht als so großartig, dass ich auf die Idee kam, die Story einer Zeitung anzubieten. Dabei könnte ich dann sogar noch etwas Geld verdienen. Die anderen waren von dem Vorschlag begeistert und ich ließ mir von der Telefonauskunft die Telefonnummern des Spiegel, des Stern und der Bild-Zeitung geben.
Zuerst rief ich beim Spiegel an, erzählte kurz die Story und erwartete eine begeisterte Antwort auf mein Angebot, doch die Resonanz war eher verhalten. „Wir müssen erst einmal darüber beraten, um eine Entscheidung zu treffen, dann rufen wir Sie in den nächsten Tagen zurück.“
Als nächstes versuchte ich es beim Stern. Auch hier war keiner in der Lage, eine definitive Entscheidung zu treffen. Sie wollten sich ebenfalls in den nächsten Tagen melden, wenn ihrerseits Interesse vorhanden wäre.
Ich war enttäuscht. Nun versuchte ich es bei der Bild-Zeitung. Dort sagte man mir: „Wir haben schon versucht, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Wo sind Sie jetzt?“
Ich war verdutzt - das hatte ich nicht erwartet. Umso besser dachte ich und gab meine Adresse bekannt.
Ohne weiter nachzufragen, kam es fast wie im Kommandoton: „Bleiben Sie da, wir schicken sofort jemanden vorbei.“
Es dauerte auch nicht lange, da klingelte es schon an der Tür. Zwei Männer von der Bild-Zeitung standen davor. Der eine war der Journalist Dieter Graf und der andere der Fotoreporter Wolfgang Reder, der sofort fragte, ob er fotografieren dürfte.
Ich gab die Erlaubnis und schon ging die Blitzerei los. Die nächste Frage war die nach den Familienmitgliedern, die an der Flucht teilgenommen hatten. Der Reporter schrieb die Namen auf. Dann zog er 5.000,- DM aus der Jackentasche und legte sie leicht ausgebreitet auf den Tisch. Wir starrten alle auf das schöne Westgeld, alles 100,- DM Scheine ohne Karl-Marx-Kopf und es verschlug uns Ex-DDR-Bürgern für Sekunden die Sprache.
Nach einer wirkungsvollen Pause sagte der Journalist: „Wir sind an ihrer Fluchtgeschichte interessiert und wollen dafür 5.000,- DM zahlen. Wenn Sie einverstanden sind, dann unterschreiben Sie bitte den Vertrag.“ Er legte diesen gleich neben das Geld, ohne die Scheine dabei zu verdecken. Mit der anderen Hand reichte er mir den Kugelschreiber. Die psychologische Wirkung des Geldes setzte ein, ich griff reflexartig nach dem Kugelschreiber und schaute meine Frau und meinen Vater an. Die starrten noch auf das Geld wie das Kaninchen auf die Schlange. Als sie dann endlich mich anguckten, nickten sie zustimmend, mit einem gewissen Funkeln in den Augen.
Ich las den Vertrag durch, in dem unter anderem stand, dass ein Jahr lang keine Interviews über die Flucht für andere Zeitungen oder das Fernsehen gegeben werden dürften. Auf die Frage, warum das so sei, wurde mir geantwortet: „Es ist so üblich, die Story gehört der Bild-Zeitung.“
Ich hatte schon 3 ½ Monate „West-Erfahrung“. Ich fühlte mich überrumpelt und war instinktiv skeptisch wegen der perfekten Inszenierung mit dem Geld auf dem Tisch. Während mein Vater und Monika inzwischen der Verlockung zustimmten und mir zuredeten, bastelte ich gedanklich an einem Plan. Die beiden Onkels und die Tante hielten sich zurück und äußerten sich nicht.
Der Journalist bemerkte mein Zögern und versuchte die Skepsis zu zerstreuen. Ich hingegen versuchte zu bluffen: „Ich habe schon mit dem Spiegel und dem Stern telefoniert, die sind auch an der Geschichte interessiert.“
Der Bild-Reporter war überrascht. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Er schaute seinen Kollegen an und brauchte einige Zeit, um sich zu sammeln. Jetzt war er in der Defensive, so jedenfalls empfand ich es. "Was haben die denn geboten?" fragte er......