spannend
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Preisinfo: 17,95€[D]/18,50€[A]
ISBN- 9 783000 268977
Dritte erweiterte Auflage
flage
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- Flucht
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- Reisen mit DDR Jugendtourist
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Textauszüge 1
Der Blechmarkt
In den Vorbereitungen meiner Flucht plante ich auch den Verkauf meines Autos und meiner Doppelgarage. Dies wäre unter normalen Umständen kein Problem, aber unter dem Vorzeichen einer Westreise sehr auffällig gewesen.
Um ein Zurückkommen in die DDR von einer Westreise noch zu untermauern, meldete ich mich einige Monate vor meiner Reise für einen Hausbau in meiner Gemeinde an. Solche Absichten, so nahm ich an, würden sich bei einer Personenüberprüfung für eine Westreise gut machen.
Der Verkauf von PKW und den Garagen durfte erst vorgenommen werden, wenn auch sicher war, dass die Westreise genehmigt wird. Denn einen PKW Lada und eine Doppelgarage wieder zurück zu kaufen, falls es mit der Reise nichts werden würde, wäre schwierig und würde mehr kosten als ich eingenommen hätte. Wäre ich schon im Westen gewesen, dann wäre ein Verkauf undenkbar, weil die Stasi es sofort rausbekommen hätte und das Geld beschlagnahmt worden wäre. Also musste der Verkauf kurz vor der Westreise, wenn die Genehmigung vorlag, geschehen.
Ich löste dieses Problem folgendermaßen:
Etwa zwei Monate vor der Westreise sprach ich mit einem interessierten Käufer aus meinem Wohnort über den Verkauf meiner Garagen. Ich argumentierte, dass ich ein Haus mit Garagen bauen wolle und meine jetzigen Garagen dann nicht mehr benötigen würde. Um aber Geld für den Bau flüssig zu machen, müsste ich die Garagen bald verkaufen. Der sehr interessierte Käufer sagte zu, dass er jeder Zeit daran interessiert sei, die Garagen für den ausgehandelten Preis von 12.000,- Mark zu kaufen.
Eine Woche vor der Westreise fuhr ich nach Magdeburg auf den Blechmarkt. Der Blechmarkt war ein Schwarzmarkt, auf dem Pkws gehandelt wurden, vermutlich staatlich akzeptiert, denn er wurde nicht unterbunden. Diesen Blechmarkt gab es immer samstags in jeder großen Stadt. Da es in der DDR eine Wartezeit auf einen neuen PKW von 13 bis 16 Jahren gab, regelte dieser Blechmarkt die Bedürfnisse der Menschen. Es war ein Stück freie Marktwirtschaft, Angebot und Nachfrage wurden über das Geld geregelt. So ergab es sich, dass ein zehn Jahre altes Auto dort viel teurer war als ein vergleichbarer Neuwagen.
Als ich mich nun mit meinem weißen PKW, einem sechs Jahre alten und gut gepflegten Lada, mit dem Schild “Zu verkaufen!“ dort hinstellte, selbstverständlich ohne Preisangabe, schwirrten die potentiellen Käufer sofort ein. Sie kreisten um, in und unter den Wagen wie Fliegen auf der sprichwörtlichen Scheiße. Dabei vollzog sich ein besonderes Ritual. Alle Fragen zum Wagen wurden laut und im Beisein aller Beteiligten gestellt und auch vom Verkäufer so beantwortet. Als es dann aber um den Preis ging, wurde ein kleiner Spaziergang gemacht, an dem nur der Verkäufer und der Käufer teilnahmen. Dabei wurden zwei Preise abgesprochen, der erste war der offizielle Preis, der auch auf dem schriftlichen Kaufvertrag stehen musste. Dieser durfte natürlich nicht höher sein als der Neupreis, er musste eine gewisse Wertminderung darstellen, denn schließlich waren es gebrauchte Pkws.
Dann gab es da noch den zweiten Preis, den inoffiziellen, der auf keinem Schriftstück festgehalten wurde. Über diesen Preis wurde verhandelt. Es gab alternative Zahlungsangebote, so auch in meinem Fall.
Zum Beispiel Fliesen, Zement, Benutzung des Wochenendhauses an einem See, aber das war für mich uninteressant. Es gab allerdings zwei interessante Angebote. Bei dem einen wollte der Käufer 4.500 DM, also Westgeld, dazugeben. Bei dem anderen sollte ein neun Jahre alter Trabant mit eingetauscht werden. Ich ließ mir von beiden Käufern die Adresse geben und sagte, ich würde es mir überlegen und mich gegebenenfalls wieder melden.
Zu Hause besprach ich beide Angebote mit meiner Frau. Wir entschlossen uns für die Variante mit dem Trabant und informierten den Käufer, wann und wo das Geschäft stattfinden würde. Monika brauchte auch nach meiner Abwesenheit einen fahrbaren Untersatz, diesen Zweck erfüllte auch ein Trabant. Nur wollten wir ihn nicht auf den Namen von Monika anmelden, da dies für sie als Fluchtvorbereitung angesehen werden könnte und bei einer späteren Ausreise müsste der Wagen zum Zeitwert an staatliche Stellen verkauft werden. Dieser Zeitwert war natürlich sehr niedrig und entsprach nicht dem Blechmarktwert.
Auch hierfür hatte ich einen Plan. Ich fuhr zu Monikas Schwester Doris und ihrem Mann Volker, die aber von der geplanten Flucht nichts erfahren sollten. Ich machte ihnen ein Angebot. Sie würden 1.000,- Mark bekommen und müssten den Trabant auf ihren Namen anmelden, die Nutzung und alle anfallenden Kosten würden bei mir und Monika bleiben. Sie erhielten allerdings das Versprechen, in einigen Jahren den PKW dann endgültig zu bekommen. Außerdem müssten sie die nächsten Tage alles Gesparte von ihrem Konto abheben und erst einmal anderswo deponieren, um den Kauf auch für eventuelle Nachforschungen wasserdicht zu machen. Ich wusste, der Versuchung könnten beide nicht widerstehen. Natürlich wollten sie wissen warum und wieso. Ich versicherte ihnen, wenn sie alles so machten wie besprochen, dann gäbe es für sie kein Risiko und ich könne jetzt nicht alles erklären, ich hätte wenig Zeit, sie sollten mir vertrauen. Beim nächsten Mal würde ich ihnen alles erklären. Volker und Doris stimmten zu, ich verabschiedete mich, gab ihnen die versprochenen 1.000 Mark und wusste, wenn ich in zwei Tagen meinen Reisepass bekäme, würde ich die beiden nie wieder sehen.
Es schmerzte mich, aber Sentimentalitäten konnte ich mir jetzt nicht leisten.
Es war Donnerstag. Ich ging zur Polizei, um meinen Reisepass abzuholen, falls ich ihn überhaupt bekommen würde. Wenn ja, würde ich am Samstag im Zug Richtung Westen sitzen. Ab 9.00 Uhr konnte ich zur Polizei, um 6.00 Uhr war ich schon wach und konnte nicht mehr einschlafen. Das Frühstück ließ ich auch ausfallen, nur eine Tasse Kaffee bekam ich runter. Meine Frau musste um 7.00 Uhr zur Arbeit, ich fuhr um 8.30 Uhr in die Kreisstadt Wohlmirstedt zum VPKA (Volkspolizei Kreisamt), pünktlich um 9.00 Uhr war ich dort. Um 10.30 Uhr wurde ich aufgerufen, musste durch mehrere dicke gepanzerte Türen, die nur einseitig eine Klinke hatten. Die Fenster waren alle vergittert. Ich saß auf einem harten kalten Stuhl. Die Atmosphäre war bedrückend. Eine ungepflegte Frau in Uniform keifte mich an: „Ihre Reise in die BRD ist genehmigt, ich bekomme 15 Mark von Ihnen, Ihren Personalausweis, Ihren Wehrdienstausweis, Erkennungsmarke und unterschreiben Sie hier.“ Ich saß noch auf meinem Stuhl und verarbeitete diese alles entscheidende Information, als die gleiche Stimme noch einen Zahn schärfer rief „hier unterschreiben!“. Ich unterschrieb und zahlte mit 50,- Mark. Jetzt konnte die Polizistin nicht wechseln und musste deshalb den Raum verlassen. Ich musste wieder zurück in den Warteraum, weil ich nicht alleine in dem Raum bleiben durfte. Nach einer Weile wurde ich wieder aufgerufen und ging zurück in die „Festung“, um Wechselgeld und den ersehnten Reisepass zu holen. Ich verabschiedete mich, um mit Genugtuung ein letztes Mal die Stimme einer DDR-Polizistin zu hören.
Mit gemischten Gefühlen blätterte ich in meinem Reisepass, dort war der Stempel für die Freiheit zu sehen, es war das Datum der Reisezeit und der Grenzübergang eingetragen. Mit der alles entscheidenden Nachricht fuhr ich sofort zu Monikas Arbeitsstelle, um ihr die Information zu geben. Monika fasste es ebenfalls zwiespältig auf. Jetzt wo es ernst wurde, hatte sie Angst, ihren Mann zu verlieren und Angst vor einer ungewissen Zukunft……..